„Da kann man nichts machen.“ ist einer dieser Sätze, die ich immer wieder höre und lese. Gerade auch bei Angsthunden bzw. ängstlichen und unsicheren Hunden. Und ja, ich kann das unter gewissen Umständen ein Stück weit verstehen, dass dieser Satz gesagt wird. Warum es trotzdem schädlich ist, erfährst du im folgenden.
Warum Hundemenschen irgendwann die Hoffnung verlieren
In der Regel kommt dieser Satz von Menschen, die schon viel ausprobiert haben, um die Ängste ihres Hundes zu reduzieren. Leider oft mit dem Ergebnis, dass es nicht besser wird, sondern oft sogar noch schlimmer wird und ggf. sogar weitere Ängste hinzukommen. Ich kann verstehen, dass man sich dann so hilflos, frustriert und hoffnungnslos fühlt, dass man sich vielleicht irgendwann einfach damit abfindet, dass der eigene Hund „eben so ist“. Ich fühl’s – wirklich. Denn du willst ja nur das Beste für deinen Hund, aber nichts scheint zu helfen. Und das liegt vermutlich an den jeweiligen Trainingstechniken, die nicht zielführend sind (und davon gibt es leider so viele auf dem Markt), aber das ist ein anderes Thema – denn: es gibt immer einen Weg zur Veränderung, du hast vermutlich einfach noch nicht den Passenden für euch gefunden.
Gleichzeitig gibt es kaum einen Satz, der mich trauriger macht, als dieser. Denn dieser eine Satz kann die Entwicklung deines Hundes ganz oder teilweise einschränken oder sogar verhindern. Mein Hund kann nur etwas erreichen, das ich grundsätzlich für möglich halte.
Meine ehemalige Angsthündin Lola – ein Hund, der sich nicht anfassen ließ
Ich möchte dir einen Teil der Geschichte vom meiner ehemaligen Angsthündin Lola erzählen und du wirst genau verstehen, was ich meine.
Ihre Geschichte begann vor vielen Jahren, als sie aus Spanien auf eine Pflegestelle nach Deutschland kam. Sie hatte vor allem und jedem Angst – und das meine ich ganz genau so. Sie fand alles gruselig und jeden gruselig. Ich weiß es noch wie heute und es lässt mich immer noch erschauern, denn es war definitiv eine verdammt harte Zeit für sie und für mich. Angst, Panik und Unsicherheit haben nicht nur ihr, sondern damit auch mein Leben bestimmt. Die einzige Ausnahme, die es gab, waren andere Hunde. Hunde mochte sie.
Als sie zu mir kam, war sie geschätzt ein Jahr alt und ließ sich nicht anfassen. Gar nicht. Weder von mir, noch von anderen Menschen, denn ja, auch mich fand sie unsagbar gruselig. Sie trug 24/7 ihr Geschirr, damit ich es nicht ständig an- und ausziehen musste und nur zu ihr greifen musste, wenn ich sie an- bzw. ableinen wollte. Auch das fand sie anfangs natürlich schrecklich und es hat mir das Herz gebrochen, aber es musste natürlich sein, damit wir raus gehen konnten.
Vorab: Ich wusste im Vorfeld, was auf mich zukommt, wenn ich sie adoptiere, denn die Pfelgestellen (sie war nacheinander auf zwei verschiedenen) waren sehr transparent und ehrlich und ich hatte sie bereits zwei Mal selber erlebt, bevor sie eingezogen ist.
So fing es also an mit Lola, ein absolut traumatisierter Hund, der nur noch aus Angst bestand. Ihr Leben bestand quasi nur aus Angst, ihr Dasein bestand ausschließlich aus Angst. Und das ist kein lebenswertes Leben. Das ist kein schönes Leben und genau das hatte ich mir ja für sie so sehr gewünscht.
Lolas Entwicklung raus aus der Angst
Wir haben es im Laufe der Zeit geschafft, dass sie sich nicht nur anfassen lässt, sondern sogar gern gestreichelt wird und auch manchmal kuscheln kommt (nach ihren Konditionen, aber das ist ja völlig fein) und vieles, vieles mehr.
Auch Pflegemaßnahmen sind gut und entspannt möglich geworden, wie z.B. Zecken ziehen – früher absolut undenkbar. Und zwar sogar an so fiesen Stellen wie am Augenlid, zwischen den Zehen und in den Ohren. Ich möchte das Zecken ziehen hier nur als ein Beispiel nennen, weil so viele Hunde Schwierigkeiten damit haben und meine mutige, kleine, starke Lola macht das einfach und ist echt entspannt dabei.
Sie „muss da nicht durch“ und das einfach über sich ergehen lassen, sondern sie macht freiwillig mit. Sie sagt von sich aus „Ja.“ und machen wir uns nicht vor, das ist bestimmt nicht angenehm, sich in den Ohren rumfummeln zu lassen (manchmal kitzelt es sie auch) oder zwischen den Zehen, um so eine Zecke zu ziehen (das ziept auch manchmal). Und naja, über’s Augenlid brauchen wir auch nicht zu reden (was absolut unmöglich ist, wenn der Hund nicht still hält, weil die Verletzungsgefahr viel zu groß wäre)…
Es gibt viele, viele Dinge, die schlicht unmöglich sind, wenn ein Hund sich nicht anfassen lassen will oder die sehr viel schwerer werden. Vermutlich jeder Hund muss mal zum Tierarzt oder eine Zecke gezogen bekommen. Das ist notwendig. Wie viel leichter und entspannter ist das möglich, wenn der Hund dabei nicht panisch und ängstlich ist, sondern sich sicher fühlt und seinem Menschen vertraut und dementsprechend mitmachen kann, selbst dann, wenn etwas mal unangenehm ist. Und das macht es ja nicht nur für den Hund so viel besser, sondern genau so für den Menschen und ggf. beteiligte Dritte.
Was mir hier besonders wichtig ist, hervorzuheben: Ein Hund, der derart entspannt durch’s Leben geht (und das nicht nur in diesem Kontext), der hat ein sehr hohes Maß an Lebensqualität und Wohlbefinden. Dieser Hund führt ein glückliches, schönes Leben – und ist es nicht genau das, was wir uns alle für unsere Hunde wünschen, egal ob Angsthund oder nicht?
Warum dieser Satz so gefährlich ist
Nun stell dir vor, ich hätte von Anfang an oder an einem bestimmten Punkt gesagt: „Da kann man nichts (mehr) machen. Die ist halt so.“
Ich hätte Lola jede Chance auf Lebensqualität, Wohlbefinden und auf ein schönes, angstfreies Leben genommen. Ich hätte ihr sämtliche oder zumindest viele Möglichkeiten für Entwicklung genommen. Ich hätte ihr die Chance für ein glückliches Leben genommen. Es wäre damit meine Schuld gewesen, wenn sie in ihren Ängsten gefangen geblieben wäre. Es wäre meine Schuld gewesen, dass sie ihr Leben lang Angst hat. Es wäre meine Schuld gewesen, wenn sie einfach kein schönes Leben haben würde. Und genau das hat sie jetzt und ich bin jeden Tag selber so glücklich, sie so zu sehen.
Du bist wichtiger als jede Traningstechnik
Und es geht mir im Grunde genommen gar nicht so sehr darum, mir selbst oder jemand anderem (z.B. dir, falls du diesen Satz auch schon mal so oder so ähnlich gedacht oder gesagt hast) die Schuld in die Schuhe zu schieben, denn das macht nichts besser. Es geht mir aber darum, dir zu zeigen, dass DU der wichtigste Faktor in der Entwicklung deines Hundes bist. Und zwar noch bevor du anfängst, irgendwas zu trainieren.
Bevor du damit anfängst, öffne dich für die Möglichkeiten, die Chancen und die Potenziale deines Hundes. Dein Hund kann viel mehr erreichen, wenn du es ihm zutraust. Dein Hund kann überhaupt nur etwas erreichen, wenn du es ihm zutraust. Ich erlebe es eher so, dass Menschen sich mit irgendetwas zufrieden geben (oder eben die Hoffnung aufgeben), anstatt dass der Hund nicht zu einer weiteren Veränderung fähig wäre. Und das heißt nicht, dass du mit jedem Hund alles erreichen kannst. Vermutlich nicht und das ist okay. Jeder Hund ist anders, jede Geschichte ist anders und jede Entwicklung sieht anders aus. Aber sei du der entscheidende Faktor im Leben deines Hundes, der bedingungslos für ihn ist und Dinge in ihm sieht, die vielleicht noch in ferner Zukunft scheinen, aber vielleicht ja für euch möglich werden können. Wie viel stärker ist ein: „Vielleicht kann sie das lernen. Vielleicht kann er sich so entwickeln.“ als „Da kann man nichts machen.“
Sieh das Potenzial in deinem Hund – nicht seine Begrenzungen
Was mir an dieser Stelle noch wichtig ist, ist folgendes: Ich verspreche dir, wenn wir uns auf diese Weise öffnen, wird Magisches mit unseren Hunden möglich. Habe ich gewusst oder erwartet, dass wir das alles erreichen, was wir zusammen geschafft haben (denn diese Geschichte ist ja nur ein kleiner Ausschnitt aus unserer Reise und den Ängsten, die sie überwunden hat)? Nein. Bin ich super glücklich darüber und stolz auf sie? Natürlich. Würde ich sie weniger lieben, wenn „weniger“ möglich gewesen wäre? Auf keinen Fall. Denn das würde bedeuten, dass ich in eine Erwartung gerutscht wäre und das wäre ebenso falsch. Ich habe mich dafür geöffnet, Lolas Entwicklung mit anzusehen und zu staunen und mich überraschen zu lassen (das passiert natürlich auch nicht von alleine, dafür braucht es dann schon die nötigen Trainigstools und -schritte). Ich würde sie nicht weniger lieben. Denn es geht immer auch ein Stück weit darum, unsere Hunde so anzunehmen, wie sie sind – solange wir ihnen damit nicht selber im Weg stehen.
Der Satz: „Da kann man nichts machen.“ ist ein Satz der echtes Leid verursacht, denn ein Hund hat nicht gern Angst. Angst zu haben, ist nicht schön und es ist unser Job, unseren Hunden aus dieser Angst zu helfen. Sei du der größte Befürworter deines eigenen Hundes und egal wer dir erzählt, dass etwas nicht möglich ist, glaub ihm bitte erstmal nicht, denn nur deine Bereitschaft, dein Einsatz, Zeit und sinnvolles Training kann zeigen, ob das wahr ist.
Das passiert, wenn wir unseren Hunden mehr zutrauen
Ich habe meiner Lola immer die Möglichkeit gegeben, mich zu überraschen und mir zu zeigen, was sie alles lernen kann, weil ich niemals gedacht habe: „Das kann sie nicht“. Das kann sie noch nicht. Kann sie es lernen? Wir werden sehen. Ich öffne den Raum dafür und erst dadurch kann es überhaupt möglich werden.
Lola ist inzwischen übrigens fast 16. Und sie lernt immer noch. Sie wächst weiter. Ich selber bin jeden Tag glücklich darüber, wie gut es ihr geht. Wir beide wachsen immer noch weiter zusammen und sie zeigt mir weiterhin jeden Tag, was Mut bedeutet.
Ich bin so stolz auf dich, meine kleine Maus.
Hast du diesen Satz auch schon mal gedacht oder gesagt? Keine Sorge, ich verurteile dich nicht dafür. Schreib mir so gern eine Email an anna@anna-nagel.com und erzähl mir, was euch die größten Schwierigkeiten bereitet. Ich antworte dir persönlich. Von Herzen.
